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Verblüffung garantiert

Verblüffung garantiert
Verblüffung garantiert

Aus der Sommerserie der Kirchenzeitung, geschrieben von Marie Eickhoff

Frankfurt duftet nach Holunderblüten. Zumindest, wenn man sich der Stadt auf dem Jakobsweg nähert. Dieser zeigt Frankfurt von einer Seite, die die meisten nicht kennen.

Bestimmt streckt Klaus Schmitt die Hand aus. „Wir beginnen immer mit dem Pilger-Du.“ Der Maschinist hält die geöffnete Hand in der Luft. Eingeschlagen. Von Bergen-Enkheim aus führt der Jakobsweg in ein Abenteuer durch den „Grüngürtel“ Frankfurts.

Alltagssorgen aussortieren

Rhythmisch bewegt sich die weiße Muschel am Rucksack. Mit einem hellen Lederband ist sie an den Reißverschluss gebunden und schwingt im Takt der Schritte hin und her. Das Tempo einer Person verrät Klaus Schmitt, wie es ihr geht. Der 54-Jährige aus Freigericht organisiert regelmäßig Wallfahrten. „Wer hinten läuft, trägt oft die größte seelische Belastung.“ Wer es schafft, sie abzuladen, wird von Schritt zu Schritt schneller.

Pilgern bedeutet Loslassen. Sich von Sorgen lösen, still werden in der Hetze des Alltags. Diesen Hebel umzulegen, ist das Schwierigste. Doch es ist eine Chance, von sich selbst zu profitieren. „Es ist ein besonderes Rollenspiel. Man lernt sich selbst kennen“, sagt Klaus Schmitt. „Dinge, die einen immer beschäftigt haben, aber für die keine Zeit war, kommen in greifbare Nähe.“ Für Fragen müssen Antworten formuliert werden, wenn man sie nicht mehr verdrängt. Das kann wie eine Therapie wirken. Augen zu, still sein, in sich hören. Vor dem Weg ist Schmitt ein Segen wichtig und während er pilgert, setzt er sich stets ein Motto. „Sein Wille geschehe“ soll dieses Mal Wegbegleiter sein.

Zwanzig Zentimeter. Größer ist der Gartenzwerg nicht, der auf dem Zaunpfahl am Wegesrand sitzt. Die Farbe ist schon verwittert, das Gelb an seiner Jacke blättert ab. Aber wer genau hinguckt, kann erkennen: Der kleine Zwerg hat die Hände gefaltet. Betet er?

Der Weg führt durch eine Kleingartenanlage. Rosen ragen über die Zäune und der warme Wind weht den Geruch von frisch gemähtem Gras in die Nase. Die wenigen Kleingärtner nehmen kaum Notiz von den Wanderschuhen, die sich an ihren Grundstücken vorbei bewegen.

Früher war Frankfurt Sammelpunkt für Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela, denn die Stadt war durch den Main und zu Fuß gut erreichbar und führte über Mainz nach Aachen. Der Jakobsweg bringt Fremde zusammen. Sie sprechen verschiedene Sprachen, glauben an unterschiedliche Dinge, aber laufen auf dem selben Weg.„Für viele ist der Jakobsweg in Spanien, aber er kann überall sein“, betont Klaus Schmitt.

Pilgern hat Konsequenzen

Den Unterschied zwischen Wandern und Pilgern erklärt er schnell: Der Pilger hat Gott im Gepäck, der Wanderer nicht.Viele wandern auf dem Jakobsweg nur. Möglich, dass im Laufe der Tour Gott dazu kommt, dann wird es ein Pilgerweg. Dieser hört für Klaus Schmitt nie auf. „Pilgern ist eine Lebenshaltung“, sagt der Vorsitzende der Katholischen Verbände im Bistum Fulda aus Neuses. Ein wahrer Pilger bricht jeden Tag neu auf. In den Gesprächen mit den Menschen auf dem Weg ist es dann wie bei den Emmausjüngern. Gott kommt dazu, egal in welchen Sprachen.

Gemütlich setzt die kleine Gans einen Fuß vor den anderen. Im Gänsemarsch folgt das Tierkind einem größeren Vogel über den sandigen Fußweg. Auf den Wiesen im Ostpark haben sich einige geflügelte Artgenossen niedergelassen. Trotz Pilgererfahrung, wird Klaus Schmitt
auf seinen Touren regelmäßig verblüfft. Jede Strecke hat für ihn Konsequenzen. Er erklärt: „Am Ende steht immer Veränderung.“ Meistens kehrt er gestärkt von den Wegen zurück, entwickelt Meinungen und kann seine innere Haltung aufbauen. Aber er kennt auch Pilger, die durch eine Tour eine Entscheidung getroffen haben, die ihr Leben auf den Kopf stellte. „Der Ausgang ist ungewiss, deshalb kann Pilgern die brutalste Form von Veränderung sein.“

Vor dem blauen Himmel sieht die Antenne aus wie ein Gipfelkreuz. Der Gipfel ist das Dach eines verspiegelten Hochhauses.Wie aus dem Boden in die Wolken gewachsen ist der Neubau der
Europäischen Zentralbank. Am Ufer des Mains führt der Weg zur St. Leonhardskirche. Unweit entfernt stehen Dom und „Römer“, Frankfurts berühmtes Rathaus. Vorm „Gerechtigkeitsbrunnen“ spielt ein Mann Geige, während die Touristeninformation Pilgerstempel verteilt. Auf einem Plakat an der U-Bahn-Station steht: „endlich“. Angekommen.

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